David Marton

DON GIOVANNI. keine Pause ? nach Mozart

Junge Frauen entehren, Väter erstechen, in die Hölle fahren, neue Frauen entehren, andere Väter erstechen, wieder in die Hölle fahren, noch mehr Frauen? Seit vierhundert Jahren ist der Betrüger von Sevilla auf Beutezug ? keine Pause. Die Pause will die Zeit anhalten, aber Don Giovanni hebt die Zeit auf. Er wird nicht zuletzt zum sozialen Fremdkörper, weil er den einzelnen Moment seiner zeitlichen Dimension beraubt. Seine Verweigerung zwischenmenschlicher Verbindlichkeit ist vor allem eine Negation: Die Lust ist nicht über ihre Aktualität hinaus in eine Zukunft zu überführen, Erleben und Vergehen fallen in eins. Don Giovanni zerhäckselt das Zeitkontinuum zu einer Unendlichkeit isolierter, gleichwertiger und damit austauschbarer Momente, von denen möglichst viele zu verbrauchen sind. Mit der Ignorierung des gewohnten Zeitempfindens rückt er von der Vorgabe der maßvollen Gleichförmigkeit grundsätzlich ab: Total und verführerisch ist sein Freiheitswille, ist die grenzenlose individuelle Sinnlichkeit, aber total und abschreckend sind damit zugleich auch Asozialität und Einsamkeit. So war er erst das warnende Beispiel in der spanischen Belehrungs-Tragödie, bevor Molière erkannte: Lüge, Mord und versuchte Vergewaltigung ? das ist der Stoff, aus dem Komödien sind. Sehnsüchtigen Intellektuellen musste er als Bohémien und Anti-Spießer dienen, besorgten PsychologInnen als Namenspatron für pathologische Triebhaftigkeit. Und spätestens seit Mozart ihn zum Singen gebracht hat, klingt nichts so bedrohlich wie eine Liebeserklärung.

April 29*) Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung

David Marton, geboren 1975 in Budapest, studierte von 1994 bis 1999 Klavier an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest und an der Universität der Künste Berlin sowie Dirigieren und Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik „Hanns-Eisler“ in Berlin. Seit 2003 arbeitet er an eigenen Musiktheaterprojekten und war Theatermusiker bei Frank Castorf, Christoph Marthaler und anderen. An den Sophiensælen inszenierte er Nackt entblößt, sogar (2004), Fairy Queen oder Hätte ich Glenn Gould nicht kennen gelernt (2005, Gastspiele an der Schaubühne am Lehniner Platz und beim Zürcher Theaterspektakel 2006 sowie beim Impulse-Festival 2007) und Der feurige Engel (2006, Gastspiel auf Kampnagel Hamburg). Seine letzte Arbeit in den Sophiensælen DON GIOVANNI. keine Pause hatte im April 2008 Premiere. 2009 wurde er von der Zeitschrift Deutsche Bühne zum Opernregisseur des Jahres gewählt. David Marton arbeitet derzeit als freier Musiktheaterregisseur u.a. an der Volksbühne und Schaubühne Berlin, Thalia Theater Hamburg sowie am Wiener Burgtheater.



Mit: Marie Goyette, Theresa Kronthaler, Yelena Kuljic, Nurit Stark, Yuka Yanagihara, Jan Czajkowski, Daniel Dorsch , Christian Jenny, Kalle Kalima, Julian Mehne

Konzept: David Marton, Jan Czajkowski, Dag Kemser, Alissa Kolbusch
Regie: David Marton
Musikalische Leitung: Jan Czajkowski
Bühne: Alissa Kolbusch
Kostüme: Muriel Nestler
Dramaturgie: Dag Kemser
Regieassistenz, künstlerische Mitarbeit: Annika Stadler
Lichtdesign: Henning Streck
Sounddesign: Daniel Dorsch
Ausstattungsassistenz: Annabel Lange
Technische Leitung: Sven Nichterlein
Bühnenbau: Bodo Hermann
Produktionsleitung: Anke Buckentin

Eine Produktion von David Marton mit Sophiensaele, Kampnagel Hamburg, Theaterhaus Gessnerallee Zürich, Amt für Ideen und Stadt Zürich. Gefördert aus Mitteln des Regierenden Bürgermeisters von Berlin ? Senatskanzlei ? Kulturelle Angelegenheiten und des Fonds Darstellende Künste e.V. Mit freundlicher Unterstützung des Deutschen Theaters Berlin und der Kulturprojekte GmbH.

Foto © David Baltzer / Bildbühne

Aufführungen

April 26)(27)(29*)(30 Mai 2)(3)(4 20 Uhr


ORT
Festsaal
















sophiensaele sophiensaele