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Tanztage Berlin 2021

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© Jan Grygoriew

JANUAR 07 bis ∞

Aufgrund der aktuellen Pandemie-Situation wird die 30. Ausgabe der Tanztage Berlin unter der neuen Leitung von Mateusz Szymanówka vom 7. bis 16. Januar als Online-Programm starten. Alle geplanten Live-Vorstellungen werden wir dann im Frühjahr 2021 nachholen. Den Auftakt macht am 7. Januar der Film showdown AV der Choreografin Judith Förster und der Filmemacherin Stella Horta. Die erste digitale Premiere des Festivals präsentiert Clay AD am 15. Januar mit der Performance Indication of Spring at the End of Time. Außerdem laden wir zu einer Online-Zukunftswerkstatt ein – einer Gesprächsreihe über Arbeitskultur und psychische Gesundheit, die gemeinsam mit dem Verein ZTB (Zeitgenössischer Tanz Berlin) veranstaltet wird. Weiterhin wird Pedro Marum ein Online-Format kuratieren, das sich auf neue künstlerische Praktiken der Fürsorge in der Clubkultur fokussiert. Das Festival präsentiert darüber hinaus die ersten drei Episoden des Tanztage-Podcasts, die in Zusammenarbeit mit dem queer-feministischen Rave-Kollektiv LECKEN entstanden sind.

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27 März 2009
Glauben und Betrügen

In einem paradiesischen Urzustand, in dem Glauben noch Hingabe bedeutete, schlich sich die Schlange der Aufklärung in den Garten und machte die Gläubigen zu Betrügern. Seither taumeln wir in einem nietzeanischen Nichts. Über uns und unter uns nur Wissenschaft und schweigende Götter. Psychologen haben sich die Frage gestellt, warum die Götter denn so still sind. Menschen in der vorhomerischen Zeit hätten noch nicht ?gedacht?, sagen sie, sie hatten einen "Zwei-Kammer-Geist", einen ausführenden und einen befehlenden, beide nicht-bewusst. In Krisenzeiten, wenn eine Situation eine Entscheidung erforderte, "halluzinierte" der ausführende Geist die Stimme von Göttern, die ihm sagte, was zu tun sei.
Glaube, so möchte man glauben, stellt also einen Rückfall in überholte Verhaltensweisen dar. Auch die ?Neue Weltordnung? Westen kontra Islam, Aufklärung ? kontra Voraufklärung, hat sich in ihren Rechtfertigungen ganz auf Glaube und Betrug kapriziert.

Das Wort ?Glaube? für sich allein genommen steht gut da, man denkt sofort an etwas Spirituelles auch an etwas Machtvolles, etwas, das Berge versetzen kann. Werden Glaube und Betrug in einem Atemzug genannt, stellt man gedanklich eine gegenseitige Abhängigkeit her, der eine betrügt, der andere glaubt an den Betrug. Die Lust am Betrug und am Selbstbetrug macht Täter und Opfer zu Komplizen. Sowohl Glaube als auch Betrug eigenen sich hervorragend, um Geschichten zu erzählen. Voltaires naiver Held, Candide zum Beispiel glaubte an die Lehren seines Hauslehrers Pangloß, der ihn ermuntert, optimistisch zu sein und ihm vorgaukelt, dass diese Welt die beste aller möglichen sei. Als klassische Heldenfigur begibt sich Candide auf große Fahrt und erlebt das genaue Gegenteil- Katastrophen, Morde, Vergewaltigungen, Kriege und Betrug. Eine andere Methode durch die Welt zu kommen ist Scharlatanerie, Manipulation. Im Gegensatz zu demjenigen der glaubt, muss der Betrüger erfinderisch sein und ein gutes Gedächtnis haben, damit er seine eigenen Lügengeschichten auch glaubwürdig weiter behaupten kann. Nicht selten glaubt der Betrüger selbst, was er sagt. Das muss er auch, sonst wäre er nicht erfolgreich.
Verlust des Glaubens ohne guten Glaubensersatz wird zum Verhängnis. Zunächst wird alles in Frage gestellt auch das, an das man noch zu glauben meint, alles und in erster Linie das Vertrauen zu sich selbst. Wie wunderbar ist es dann, durch einen neuen Glauben wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Wenn allerdings die Scharlatane und Betrüger, wie es in einem Buch über Cagliostro heißt, ?die dunkle Seite der Aufklärung? verkörpern, so sind wir wieder bei der Wechselwirkung von Glaube und Betrug. In seinen Erinnerungen schreibt Casanova über eine Begegnung mit Graf von Saint Germain, einem großen Betrüger und Alchemisten seiner Epoche: ?Er zeigte mir seine Urkraft, die er Atoäter nannte. Es war eine weiße Flüssigkeit, die sich in einem sorgfältig verschlossenen Fläschchen befand. Er sagte mir, diese Flüssigkeit sei der Universalgeist der Natur; dies werde dadurch bewiesen, dass dieser Geist sofort aus dem Fläschchen entweiche, wenn man das Wachs nur ganz leicht mit einer Nadel durchsteche. Ich bat ihn, mir das Experiment zu zeigen. Er gab mir ein Fläschchen und eine Nadel. Ich stach ganz leise in das Wachs hinein und das Fläschchen war wirklich im Augenblick vollständig leer.

>Das ist ja herrlich,< sagte ich; >aber wozu ist das gut?<

>Das kann ich Ihnen nicht sagen, das ist mein Geheimnis.

Claudia Basrawi

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