Specials

Performance/Audiowalk

Lea Sherin Kübler + Soraya Reichl & Ensemble
Remember Now! Eine Geschichte des einander Erinnerns | Jugendprojekt

Hauptmotiv_quer
©Shirin Esione

Mai 07 08 09 l 14 Uhr + 17 Uhr

An wen wollen wir erinnern und welche Wege gibt es, dies zu tun? Remember Now! lädt zu einem performativen und interaktiven Audiowalk im Berliner Stadtraum ein und wirft einen kritischen Blick auf Berliner Erinnerungsorte. In dynamischen Szenencollagen erlebt das Publikum Geschichte(n) aus einer Perspektive des Widerstands.

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Service
Begleitprogramm
Haus
 

04 Januar 2011
Version Superreich und der Proportionalitätsfehler

Über die Variante, in der die Rolle der Karrenzieher von Managern und Finanzaristokratie besetzt wird, sind in den späten Nullerjahren genügend kritische Worte verloren worden. Die sind zwar nicht in schlussfolgernde Gesetzestexte eingeflossen, doch den Lohn der Unternehmenslenker, Risikoingenieure und Anteilseigner als irgendwie leistungsgerecht zu verteidigen, das traut sich kaum mehr jemand. Zu offensichtlich fehlt ein Zusammenhang zwischen der grotesk überproportionalen finanziellen Ausstattung dieser Klasse und irgendeiner Art von messbarer Leistung für einen wie auch immer gearteten gesellschaftlichen »Karren«. Der märchenhafte Reichtum, der in den letzten Jahrzehnten in der dünnen Oberschicht angelaufen ist, sauber und irreversibel abgekoppelt von den ständischen Niederungen kleinbürgerlicher Vergleichsscharmützel, könnte nach allen plausiblen Methoden des Vergleiches zwischen »Beiträgen« in einer arbeitsteiligen Gesellschaft nur mit sagenhaften, ja gottgleichen »Leistungen« gerechtfertigt werden, die bei den meisten Betroffenen entweder unauffindbar oder kaum ihnen persönlich zurechenbar sind.
Dennoch, wenn die Geldelite sich bequemt, am Legitimitätsdiskurs überhaupt teilzunehmen, ? was sie nach den realen Machtverhältnissen ganz und gar nicht nötig hat, genügt doch die kurz angedeutete Drohung, Kapital ins Ausland abzuziehen um jegliche politische Initiative zur Korrektur überproportionaler Aneignung wirksam zu ersticken ? dann euphemisiert sie sich gelegentlich zur Leistungsträgerschicht. Die Leistung soll in der Steuerung finanziellen und wirtschaftlichen Geschehens bestehen und ihre sehr weitgehende ? und die der Politik bei weitem übersteigende ? Macht und Belohnung rechtfertigen. Scheitert die Suche nach der gesamtgesellschaftlichen Nutzen ihrer Tätigkeit stört das aber auch nicht wirklich, denn die vorherrschende Legitimationsfigur im Leistungslager ist tautologisch. Leistung wird nicht außerhalb des Markterfolges und der erreichten Stellung aufgesucht, sie besteht darin. Leistung ist Markterfolg ist Geld ist Macht ist Leistung und so fort.
Spätestens wenn die Rede auf die Söhne und Töchter des »bürgerlichen Lagers« und ihre oft erheblichen Erbschaften kommt, wird die Legitimation von Besitz über Leistungsträgerei stillschweigend geräumt und so mühe- wie zusammenhanglos auf einen kruden Freiheitsbegriff und Angriff gegen Sozialismus umgeschaltet. Wohlwollende Prüfung stößt in solchen Tönen auf eine implizit mitgemeinte, nicht meritokratische (verdienstgemäße) sondern funktionale Rechtfertigung der gegebenen Markt- und Eigentumsverhältnisse: Greed is Good! Es geht dann nicht mehr um angemessenen Leistungslohn sondern um die höhere Gesamtproduktion (oder: Gesamtleistung) des Systems, das zu diesem Zweck »Anreize« in Form von Fantastilliarden-Portfolios zulässt und auch zu den Ärmsten dann schließlich was runter »tricklen« lässt, auf dass es auch denen ein wenig besser gehe. Das Kriterium individueller Leistungszurechnung vergisst der nun funktionalistisch argumentierende Wealth-Manager mit hellsichtiger Urteilskraft schnell, denn Leistungsgerechtigkeit wendet sich rasch gegen die heutigen Eigentumsverhältnisse.

Ralph Obermauer (in: Polar 8)

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