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04 Januar 2011
Weder Atom/Gen noch Volk/Familie. Utopische Gemeinschaften

Das Individuum ist eine Erfindung der Gesellschaft; der modernen oder ? seit Krise ist, heißt sie wieder so ? der kapitalistischen Gesellschaft. Erstens, weil es eine enorme Produktivkraftentwicklung erfordert, bis aus der Groß- die Kleinfamilie und schließlich der Singlehaushalt hervorgehen kann. Zweitens, weil nur der Warenfetisch die allseitige Abhängigkeit Gleicher als allseitige Unabhängigkeit Freier widerspiegelt. Weil nur die gesellschaftliche Vermittlung über das Geld also die Menschen in die reale Illusion versetzt, sie arbeiteten nur für sich selbst, während sie doch gleichzeitig nichts von dem, was sie herstellen, selbst konsumieren, sondern ausschließlich für andere produzieren. Der Mensch, so fasst Marx diesen Gedanken abstrakt zusammen, ist nicht nur ein geselliges Tier, sondern eines, das sich nur in der Gesellschaft vereinzeln kann. Aber gleichzeitig entsteht nur in der Vereinzelung die Sehnsucht nach der Gemeinschaft. Erstens, weil sich historisch erst in der Kälte der bürgerlichen Gesellschaft die romantische Rückprojektion einer Urgemeinschaft oder die utopische Konzeption einer zukünftigen Gemeinschaft entwickelt. Zweitens, weil sich logisch nur die zusammenfinden können, die aus der Zwangsgemeinschaft der Tradition befreit wurden. Es braucht die Anerkennung der Unterschiede und die Möglichkeit der Wahl um sich gemeinsam zu versammeln. Die Symbiose, die Verschmelzung, die kollektive Identität etwa der Nation ist, wie der französische Philosoph Jean-Luc Nancy deutlich macht, keine Gemeinschaft. Sie schafft repressiv nur eine neue Einheit, die gegenüber ihrer Umwelt wiederum vereinzelt und abgegrenzt ist. Umso abgegrenzter und feindlicher nach außen, je mehr auf innere Einheit (auf ?Wiedervereinigung?) sie drängt. Diese Unterscheidung ist eine ums Ganze, aber leicht zu übersehen. Als Nancys Philosophie der Gemeinschaft auf deutsch erschien, wurde sie, wie er in ?Die herausgeforderte Gemeinschaft? berichtet, ?in einer linken Zeitung aus Berlin als nazistisch bezeichnet?. Das ist ein Missverständnis, allerdings ein verständliches. Nicht weil der Antifaschist Nancy es an einer Kritik des Nazismus mangeln ließe, sondern weil sich in Deutschland nicht von Gemeinschaft reden lässt ohne an die Volkgemeinschaft, die Gemeinschaft des deutschen Volkes zu denken. Daran lässt sich die Unverschämtheit des deutschen Übersetzers von Maurice Blanchots ?Die uneingestehbare Gemeinschaft? ermessen, der sich der explizit an ihn gerichteten Aufforderung, peuple nicht mit Volk zu übersetzen, widersetzte. Wer nach der Konstruktion der utopischen, der immer noch nicht lebendigen Gemeinschaft verlangt, muss die Destruktion der Volksgemeinschaft, der immer noch nicht toten Gemeinschaft der Deutschen wollen. Weder 20 noch 60 noch 1000 Jahre sind zu feiern. Denn erst wo die Zwangsgemeinschaften von Nation, Klasse, Geschlecht und so weiter zerrieben, die Autonomie des Kapitals beendet und die singulären Differenzen gemeinsam befreit sind, erscheint die utopische, die wirkliche Gemeinschaft.

Bini Adamczak

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