Laurie Young: After Work Tours #1 – Sophiensæle | Freies Theater in Berlin
Laurie Young: After Work Tours #1
Die Sophiensæle befinden sich in einem Gebäude voller Geschichten – davon zeugen Verzierungen an den Decken, Risse in den Wänden, Zeichnungen auf alten Türen, genauso wie Geister und Erinnerungen, die dieses Haus bewohnen. Die Wände, Treppenhäuser und Säulen erzählen dabei auch viel über den Wandel von Arbeit in den 120 Jahren ihrer Existenz – und über Emanzipation, Widerständigkeit, Demokratisierung und Selbstorganisation, genauso wie über Gewalt, Zwang und Ausbeutung, die sich in und mit ihr manifestierten.
Ausgehend vom Format der Historischen Hausführungen, die regelmäßig in den Sophiensælen angeboten werden, entwickeln drei Berliner Künstlerinnen neue ortsspezifische Performances als Auftragsarbeiten für das Festival. Die After Work Tours nehmen einzelne Momente zwischen Vergangenheit und Gegenwart, persönlicher Erinnerung und politischer Geschichte als Ausgangspunkt für künstlerische Erforschungen des Gebäudes – und erzählen davon, wie Arbeit Körper, Biografien und Vorstellungen prägt.
Seit über einem Jahrhundert sind die Sophiensæle ein Ort, an dem sich Menschen im gemeinsamen Kampf versammelten: Gewerkschafter*innen, Revolutionär*innen und in jüngerer Zeit Künstler*innen. Bei der Erforschung dieser Geschichte stieß die Tänzerin Laurie Young auf Milly Witkop, eine Anarchistin, Syndikalistin und Feministin, die in diese Mauern die Überzeugung einbrachte, dass Care-Arbeit Arbeit ist und kollektive Verweigerung eine Form der Macht darstellt.
Young trat hier erstmals 1996 mit Allee der Kosmonauten auf. Nun fragt sie sich, was die nächsten dreißig Jahre für das Gebäude bereithalten werden. Auf den Spuren von sich selbst und Witkop führt sie durch die Räume der Sophiensæle, bewegt sich zwischen diesen beiden Epochen hin und her und fragt, was passieren würde, wenn Kulturarbeiter*innen aufhören würden zu arbeiten.
Von und mit: Laurie Young
Outside Eye, Dramaturgie: Siegmar Zacharias
Dank an: Isaac Dixon, Milo Millwood
After Work Tours #1 entsteht in Kooperation mit den Sophiensælen im Rahmen des Festivals Never Work. Never Work – Internationales Performance-Festival ist ein Festival der Sophiensæle, gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds. Die Sophiensæle werden gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Medienpartner: Berlin Art Link, Missy Magazine, Siegessäule, taz.
Laurie Young war von 1992 bis 1996 Mitglied des kanadischen Forschungslabors für Tanz Le Groupe Dance Lab. 1996 zog sie nach Berlin, wirkte bei Sasha Waltz‘ Allee der Kosmonauten mit und arbeitete seitdem zunächst als Ensemblemitglied, später als Gast mit der Compagnie zusammen. Von 2000–2003 war Young Ensemblemitglied der Schaubühne am Lehniner Platz. International tanzte sie für Choreograf*innen wie Meg Stuart, Constanza Macras, Benoit Lachambre, Emio Grecco, Eszter Salomon, Animal Farm Collective, Grayson Millwood und Nasser Martin-Gousset. Zu ihren Arbeiten zählen das Solo Brand New Bag und OmU. 2007 war Laurie Artist-in-Residence in der fabrik Potsdam. 2009 gründete sie mit Panagiota Kallimanis und Philipe Loureco das Kollektiv The Plant, das ortsspezifische Installationen entwickelt. Darüber hinaus arbeitete sie mit Filmemacher*innen, Bühenbildner*innen; Videokünstler*innen u.a. zusammen. Ihr Solo Natural Habitat (2011) wurde im Naturkundemuseum Berlin uraufgeführt. Ihr choreografisches Gemeinschaftsprojekt mit Janet Cardiff und George Burres Miller Alter Bahnhof Video Walk war 2012 auf der Documenta (13) in Kassel zu sehen. In den Sophiensælen sind ihre Arbeiten seit 2014 zu sehen.